Gesammelte GedichteGesammelte Gedichte.
Gedichte von Johannes Bobrowski (
2017, DVA, Nachwort von Helmut Böttiger).
Besprechung von
Paul Alfred Kleinert für die LYRIKwelt.de, Berlin V. 2017:

„GESAMMELTE GEDICHTE“

In die kurze Zeit von Februar 1961 bis September 1965 fallen die Buchveröffentlichungen zu Lebzeiten eines der sprachmächtigsten deutschen Lyriker des 20ten Jahrhunderts: Johannes Bobrowski (Tilsit 1917 -1965 Berlin/Ost). Den Beginn seines Schreibens datierte Bobrowski selbst auf 1941, in eine Zeit also, die er als Soldat im Krieg in Russland verbrachte. 1944, inmitten des Krieges, erschienen erste veröffentlichte Gedichte des jungen Lyrikers, vermittelt von Ina Seidel, in der zu München erscheinenden Zeitschrift „Das innere Reich“. Sein erster Gedichtband „Sarmatische Zeit“ erschien im Februar 1961, der letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Band „Boehlendorff und Mäusefest“, im Mai (bei Wagenbach unter variierendem Titel), August (ebenso in der DVA) und September 1965 (im Union Verlag).

Nun jährte sich der Geburtstag des Dichters im April des Jahres 2017 zum 100sten Mal. Neben der Vielzahl von Gedenkveranstaltungen brachte die DVA das lyrische Werk Bobrowskis geschlossen in dem Band „Gesammelte Gedichte“ heraus, der sich an der im Union Verlag (Berlin/Ost) und der DVA (Stuttgart, ab dem Jahr 2000 in München) gleichermaßen erschienenen Gedichtausgabe innerhalb der „Gesammelten Werke“ Bobrowskis orientiert, so in den 1980er Jahren des 20sten Jahrhunderts und darüber hinaus die Stellung Bobrowskis als deutscher, in der DDR lebender Dichter bedeutend.

Im Aufbau „Die Gedichte“ (= sämtliche Gedichte, die Bobrowski selbst herausgegeben oder für den Druck bestimmt hat), „Gedichte aus dem Nachlass“ und einen „Anhang“ (= Nachwort, editorische Nachbemerkung, Lebensdaten und Index) beinhaltend, bietet sich den Lesenden im vorliegenden Band das lyrische Werk Bobrowskis in seiner Fülle dar.

Ausgesprochen erfreulich ist die Beibehaltung der Paginierung der „Gesammelten Werke“ im erschienenen Band, da so die Auffindung gesuchter Gedichte in den Bänden 1, 2 und 5 jener erleichtert wird. Die ästhetisch gute Aufmachung des Buches im Stil der frühen 1960er Jahre tut ein Übriges, den Band den Augen eines Publikums zu empfehlen, wenngleich sich der Rezensent eine Fadenheftung für diesen Jubiläumsband gewünscht hätte.

Das Nachwort Helmut Böttigers beschreibt kundig und einfühlsam Weg und literarische Stellung Bobrowskis, des Dichters, der Peter Huchel gegenüber 1956 äußerte, eine „Art Sarmatischen Divans“ entwickeln zu wollen und der aus diesem Vorhaben heraus die großartige Abbildung einer lyrischen Landschaft (nicht nur) des Ostens, weit über bloße Naturlyrik hinausgehend, schuf

Über Bobrowski ist viel geschrieben worden und wird viel geschrieben werden, so dass der Dichter selbst mit einem seiner intensiv rezipierten Gedichte am Beschluss dieser Zeilen stehen soll:

Sprache

Der Baum
größer als die Nacht
mit dem Atem der Talseen
mit dem Geflüster über
der Stille

Die Steine
unter dem Fuß
die leuchtenden Adern
lange im Staub
für ewig

Sprache
abgehetzt
mit dem müden Mund
auf dem endlosen Weg
zum Hause des Nachbarn

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter ]

Leseprobe I Buchbestellung 0517 LYRIKwelt © Paul Alfred Kleinert