Die Hauptstadt von Robert Menasse, 2017, SuhrkampDie Hauptstadt.
Roman von Robert Menasse (2017, Suhrkamp).
Besprechung von
Paul Jandl in Neue Zürcher Zeitung vom 8.9.2017:

Noch ist Europa nicht verloren
Tragödie oder Komödie? Robert Menasse sucht in seinem grossen Roman nach starken Symbolen für die EU.

Das nennt man wohl einen Running Gag, und diesmal hat er sogar vier Beine. Ein leibhaftiges Schwein läuft durch Brüssel, quert die Plätze der Altstadt, wird Augenzeuge, als ein Mörder aus einem Hotel flieht, und fällt mit einem Schrei über den ermittelnden Kommissar her. Neben dem wiederholt auftauchenden Schwein gibt es in Robert Menasses neuem Roman zuhauf Kollegen, die im Dunkel ihrer traurigen Bestimmung bleiben. Den mafiösen Machenschaften der europäischen Fleischindustrie sei Dank.

«Die Hauptstadt» heisst Menasses grosses und lange angekündigtes EU-Epos. Es ist ein Spiegelkabinett aus Geschichte und Gegenwart, aus Tragik und Komik, aus Banalem und Bedeutendem. Das Schwein darf darin es selbst sein, und man muss die Europäische Union, um die es eigentlich geht, nicht gleich einen Saustall nennen. Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse würde das nie tun. Er hat in seinen Essays und Reden in den letzten Jahren einer nach-nationalen EU das Wort geredet, die sich auf das Gemeinsame besinnt, er war ein EU-Euphoriker, wo manche intellektuellen Kollegen sich europamüde gaben. Um das Gemeinsame geht es auch im Roman «Die Hauptstadt». Um Hoffnungen und ein grandioses Scheitern.

Krachender Zusammenbruch

Ein grosses «Jubilee Project» soll das fünfzigjährige Bestehen der EU-Kommission feiern. Rund um die Vorbereitungen entwickelt Menasse seine raffiniert gebaute Geschichte, in der nichts dem Zufall überlassen ist. Verlässlich kreuzen sich die Wege der Hauptfiguren, bis ein Netz aus biografischen Bezügen entstanden ist. Der eigenschaftslose österreichische EU-Beamte Martin Susman trifft auf die griechisch-zypriotische Karrieristin Fenia Xenopoulos, die wiederum den mit allen Wassern gewaschenen Deutschen Kai-Uwe Frigge an der Angel hat. Der aus hochdekoriertem italienischem Altadel stammende Kabinettschef Romolo Strozzi zieht im Hintergrund die Fäden.

Unter den nationalistischen Lasten des EU-Rats bricht die Angelegenheit Jubelfeier schliesslich krachend in sich zusammen. Tschechen gegen Deutsche, Briten gegen Franzosen und Polen gegen alle. Aber «Die Hauptstadt» ist trotz ihrem mitunter karikaturhaften Wesen keine parodistische Überbietung gängiger Anti-EU-Vorurteile. Es ist keine Milieustudie, die es auf das knisternde Anzugsgrau der Brüsseler Bürokratie abgesehen hat, es geht nicht um Intrigen und Gurkenkrümmungsgesetze.

Es geht um eine Vision, und dafür bringt Robert Menasse noch ein paar andere Figuren ins Spiel. Aus der Tiefe der Historie will der Roman die Legitimationen für das Gebilde namens Europäische Union holen. Der in Brüssel in einem Altersheim dem Tod entgegensehende David de Vriend war Lehrer und ist als Jude Auschwitz entkommen. In letzter Sekunde ist er aus dem Deportationszug gesprungen. Später ist er als Widerstandskämpfer verraten worden und doch noch in ein Konzentrationslager gekommen. De Vriend ist Überlebender und damit Zeitzeuge an einem Fluchtpunkt der Geschichte, den Menasses Roman auch zum zentralen Ort der grossen europäischen Idee machen will: Auschwitz.

Das «Jubilee Project» möchte für die EU-Feierlichkeiten Listen Überlebender auftreiben, aber es gibt keine Listen. Und dann ist da noch Professor Erhart aus Wien, ein alternder Ökonom mit strammem Nazi-Vater, der einem Think-Tank zur Zukunft der EU angehört. Bei einer Konferenz redet er sich um Kopf und Kragen und Reputation, als auch er behauptet, dass es nur eine europäische Hauptstadt geben könne, nämlich Auschwitz. Ist die Idee mit Auschwitz absurd, oder ist es eine Antwort auf den selektiven Gedächtnisverlust gerade wachsender Nationalismen?

Robert Menasse stellt das in seinem Roman einmal so hin. In einem Roman, der die Lebensläufe seiner Figuren und von deren Familien auserzählt, bis sie zum Chor werden, der die Brüsseler Milieus in ihren Farben und Temperaturen kennt – und der sich stilistisch nicht immer zwischen dem Essayisten und dem Romancier Menasse entscheiden kann. Neu dazugekommen ist der Krimiautor. «Die Hauptstadt» ist auch ein Kriminalroman. Das hätte gar nicht sein müssen.

Wie kaum sonst jemand in der deutschsprachigen Literatur hat Robert Menasse die Geschichte Europas zum Thema gemacht. Im erzählerischen Dreisprung ist sein letzter Roman «Vertreibung aus der Hölle» vom 17. Jahrhundert Portugals über die Nazizeit bis in die Gegenwart gelangt und dabei einer These treu geblieben, die es auch schon in früheren Romanen wie «Selige Zeiten, brüchige Welt» oder «Schubumkehr» gab: dass sich das historisch Tragische als Farce wiederholt. Was die Farce vom einfach nur Komischen unterscheidet, ist ihr Doppelcharakter. Das Böse verbirgt sich im Harmlosen. Und diesen Vorgang zu dekuvrieren, ist Menasse mit seinem Schreiben angetreten.

Die Farce deckt Menasse auch in «Die Hauptstadt» in allen Zuständen ihrer Gefährlichkeit auf, und manchmal tut die Wirklichkeit das auch selbst. Pompös und wahrheitsgetreu geschildert sind die grotesken Kräfte, die auf dem europäischen Fleischmarkt wirken. Wenn der Roman Abhandlungen über die komplizierte Verwertung von Schweineohren liefert, dann hat man viel über die Kluft zwischen EU-Wirklichkeit und ihrem unterentwickelten Möglichkeitssinn gelernt. Den nennt Robert Musil «eine schöpferische Anlage».

Eine neue Parallelaktion

Nicht umsonst erinnert «Die Hauptstadt» an vielen Stellen an Robert Musils «Mann ohne Eigenschaften». Explizit oder implizit. Musils Werk ist laut Menasses Roman angeblich das Lieblingsbuch des Kommissionspräsidenten, und im «Jubilee Project» zur Fünfzigjahrfeier der Europäischen Kommission spiegelt sich die berühmte Musilsche «Parallelaktion» zum siebzigsten Thronjubiläum des österreichischen Kaisers.

Es schadet jedenfalls nicht, Robert Menasses «Die Hauptstadt» in einer lesenden Parallelaktion mit dem «Mann ohne Eigenschaften» zusammenzubringen. Beide Romane erzählen von den Träumen und Illusionen an den Abrisskanten der Geschichte, aber während Musil einen Nachruf auf die k. u. k. Monarchie geschrieben hat, ist man mit der EU mittendrin. Es ist trotz Brexit, der bei Menasse kurz erwähnt wird, noch nichts verloren.

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