Schlafende Sonne von Thomas Lehr, 2017, HanserSchlafende Sonne.
Roman von Thomas Lehr (2017, Hanser).
Besprechung von
Paul Jandl in Neue Zürcher Zeitung vom 30.8.2017:

Sonne, du alte Hybris! Das können wir besser!
Thomas Lehr hat einen Roman voller Liebe, Sex und Solarphysik geschrieben. Er lässt daraus eine atemberaubende Chronik des 20. Jahrhunderts hervorgehen.

Höher kann man einen Roman kaum hängen. Dass der deutsche Schriftsteller Thomas Lehr seinen Universalroman «Schlafende Sonne» direkt ans Universum nagelt, hat beste Gründe und ist doch ein Wagnis mit grosser Absturzgefahr. Kann das alles gutgehen? So viel Klugheit und so viel Überfluss? Ein Roman mit erzählerischem Zentralgestirn und Myriaden von Trabanten?

Es gehörte schon bisher zum Werk von Thomas Lehr, dass es die Literatur in ein Netz anderer Erkenntnisformen einspannt. Dass es offen ist für die exakten Wissenschaften und für die Träumereien der Kunst, dass es objektiviert und gleichzeitig spekulativ bleibt. Und so steckt in Lehrs Sonnen-Roman jede Menge Solarphysik, aber auch eine Metapher: Was die Welt erwärmt und hell beleuchtet, ist für das Auge kaum erträglich. Die blendende Sonne sorgt für Nachbilder, für Bilder in Komplementärfarben, und auch Lehrs Roman steht ganz im Zeichen solcher visueller Verschiebungen, um nicht zu sagen: Überforderungen.

Fortsetzung folgt

Man schaut. Schaut auf die Menschen und auf episodenhaft erzählte hundert Jahre, bis man fast nichts mehr sieht. Die Glanzlichter, die aus den Beschreibungen noch der nichtigsten Szenen kommen, haben hohes Blendungspotenzial. Die Elastizität der Sprache macht, dass der Boden der Gewissheiten arg zu schwanken beginnt. Man muss das ertragen können. Über immerhin 640 Seiten, an deren Ende auch noch steht: «Wird fortgesetzt.» Thomas Lehrs Romanprojekt hat mit «Schlafende Sonne» gerade einmal begonnen. Ein paar tausend Seiten sind noch geplant.

Nominell ist die Lage eigentlich überblickbar. Fluchtpunkt des Romans ist ein einziger Tag des Jahres 2014, an dem die erfolgreiche Künstlerin Milena Sonntag eine Ausstellung ihres Lebenswerks eröffnet. Aus Performativem und aus Installationen besteht die Schau, und man ahnt schon zu Beginn des Buches, das die einzelnen Teile ihrer Arbeit auch mit der Romanhandlung etwas zu tun haben werden. Zumindest mit der Biografie der Künstlerin, von der «Schlafende Sonne» erzählt. Geboren als Malertochter in Dresden, wächst Milena in der kreativen Euphorie von DDR-Künstlerkolonien auf, bis sich die Mutter vom Vater trennt und nach Berlin zieht. Deren neuer Freund, der kunstsinnige Parteisoldat Viktor, wird zum Ziehvater einer jungen Frau, die sich fürderhin gern von älteren Männern beeindrucken lässt.

Nach dem Fall der Mauer ist es ein philosophischer Anthropologe (oder umgekehrt) namens Rudolf. Er wird neben seinem jungen Konkurrenten, dem Physiker Jonas, zu einer der drei Hauptfiguren eines Romans. Eines Romans, der ins Privateste hineinzoomt, um gleich darauf ein paar Jahrzehnte Weltgeschichte im Blick zu haben. Angesichts dieses Kosmos ist die bald platonische, bald bebend alles Körperliche auslebende Ménage à trois nichts und doch alles. Göttingen, wo sich die Wege der drei kreuzen, wird vollends zum topografischen und geistigen Zentrum des Romans, wenn Thomas Lehr noch einen Seitenstrang eröffnet: Der Philosoph und Phänomenologe Edmund Husserl und seine Assistentin Edith Stein treten auf. In einer anderen Zeit und doch synchron mit der Gegenwart.

Ein Fenster in die Welt

Thomas Lehr lässt in «Schlafende Sonne» wenig aus. Da kommen Physiker, Künstler, Kunstkenner und Philosophen vor, um in Worten weiterzudenken und in Taten einzulösen, woran die Phänomenologie glaubte. So ist «Schlafende Sonne» eine Orgie der Phänomene. Und der Blick auf Oberflächen und in die Tiefe hat in Thomas Lehr einen Zeremonienmeister, der Bilder schaffen kann wie kaum ein anderer. Lehr weiss das, und er betreibt einen Aufwand, dem es egal ist, ob er gerade auf den Schlachtfeldern bei Verdun ist oder auf dem Gästesofa einer Buchhändlerin. Aus Furcht und Freude, Sex und Tod ist dieses Panorama gemacht, heliozentrisch um die Körpermitte kreisend. Zahllos sind die Szenen der Verführung und tinderhaft endlos die Listen derer, mit denen die zarte Milena, der soignierte Rudolf und der praxisnahe Jonas ihre Abenteuer haben.

Thomas Lehr hat zu all den Sonnenmetaphern auch noch ein Bild für das Kontinuum seines Romans gefunden: die Spirale. Wenn der von Lehr zitierte Schriftsteller und Filmemacher Chris Marker sagt, dass die Spirale den Taumel des Raumes genauso in sich habe wie den Taumel der Zeit, dann ist beides auch in «Schlafende Sonne» ineinander verschlungen. Innen und aussen sind in dieser Romanwelt nicht exakt getrennt. Es wechseln die Perspektiven und die Zeiten, es gibt Vor- und Rückblenden. Und während die Lebensbiografie der drei Hauptfiguren allmählich ins ruhigere Fahrwasser der zweiten Lebenshälfte einläuft, beschleunigt der Roman noch einmal in eine ganz andere Richtung.

Wie in einer Zentrifuge dreht sich die Erzählung, steigt hinab in den Taumel des Jahres 1914, wo Wilhelm II. als grotesker Kriegsherr auf dem Feldherrenhügel steht. Auch typografisch löst sich an dieser Stelle der Roman auf. Fraktur und Versalien durchschiessen die Zeilen wie Salven der grossen, neuen Zeit, die aus Europa ein ganz anderes machen wird. An dieser Stelle wird der Roman endgültig selbst zur Physik. Ein krachendes und knatterndes Ding. Lärmend wie Geschützdonner. Leuchtend wie Phosphor. Sonne, du alte Hybris! Das können wir besser!

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