wälder kommen auf uns zu.
Gedichte von Hartwig Mauritz (2017, Rimbaud Verlag).
Besprechung von Stefan Heuer für die LYRIKwelt.de, 05/2017:

Von Flucht und Krieg, Asche und Kröten – der neue Gedichtband von Hartwig Mauritz

wälder kommen auf uns zu. Auf uns? Und wer ist das, dieses Wir? Und welche Empfindung sollte es auslösen, wenn ein Wald oder ganze Wälder auf uns zukommen? Ist es als freundliches Entgegenkommen seitens der Natur zu werten, wenn wir selbst es zwischen Arbeit, Wocheneinkauf, Muckibude und Arztbesuch schon viel zu selten und manchmal über einen längeren Zeitraum überhaupt nicht schaffen, eine Radtour in/durch die heimischen Wälder zu unternehmen? Oder ist es doch eher bedrohlich, wenn sich die Wälder aufmachen, um uns die Sicht zu nehmen, um uns im taktischen Gefüge der Fauna den Winkel zu verkürzen und uns vor vollendete Tatsachen zu stellen, in jenem Augenblick, in dem sich die ersten Zweige bereits durch die Windschutzscheibe drücken?

wälder kommen auf uns zu ist Hartwig Mauritz‘ vierter Gedichtband (nach seinem Erstling Echogramme im Lübecker Marienblatt-Verlag und den Bänden biotope und rumor der frösche auf den dünnen flächen der physik in der Lyrikedition 2000), er erschien im Frühjahr 2017 in der Lyrikreihe des Rimbaud Verlages. Bereits der Titel deutet die emotionale Flexibilität an, mit der dem Leser angeraten wird, sich warm anzuziehen, wenn er sich auf Exkursion durch die 5 Kapitel (und insgesamt 39 Gedichte) begibt, denn die Gedichte des in den Niederlanden lebenden Autors sind so einiges, aber keine Wohlfühlgedichte.

Wer gerne in Kategorien arbeitet und sich in festen Strukturen wohlfühlt, kann die Mehrzahl der Gedichte zwei thematischen Gruppen zuordnen. Zum einen sind dies die – teils von der eigenen Familien-Biografie bestimmten – Erinnerungsgedichte, in denen sich Mauritz der Generation seiner Großeltern und ihrem von Krieg, Flucht und seelischem und materiellem Mangel geprägten Leben widmet. Es sind strenge und größtenteils kalte Bilder, die er in diesen Gedichten zeichnet; so dunkel, dass man sich beim Lesen nur schwerlich vorzustellen vermag, dass der Frühling auch zu jener Zeit ein frisches Grün an die Zweige zu bringen vermochte. Bäume sind Synonym für Flucht und Verwirrung, Hände werden selten freundlich geschüttelt, sondern sind verschorft und in Kriegswirren verloren. Wird ein Feuer entfacht, so geht es mitnichten um die von ihm ausgehende Wärme, sondern zumeist um die zurückbleibende Asche. Und doch bieten viele der Gedichte parallel die Lesart eines Neuanfangs an, einen neuen Weg – so wie nicht vergessen werden darf und sollte, dass Asche für viele Pflanzen einen guten Dünger abgibt.

großvater flieht

großvater flieht über die flimmerschwelle
im böhmischen dorf sieht er immer
die landschaft schweben über den nebeln

die familie auf porzellan gemalt, die sonntage
bewacht, hinter den wänden mutter und vater
im gebet bei tisch in zungen reden. schon wird

der grenzstrich bewegung. seine schritte setzen
geräusche, über gräben bewacht er die grenze
die ihn nicht zurückholen kann-

Das zweite thematische Sammelbecken vereint Gedichte mit naturwissenschaftlich-geschichtlichem Hintergrund. Während es viele Autoren darauf anlegen, mich mit drögen Aneinanderreihungen physikalischer oder sonstiger Fachbegriffe (die in erster Linie dazu dienen, die Zeilen schön voll zu machen und Wissen zu suggerieren) zu langweilen, gelingt es Mauritz, der im Brotberuf am Berufskolleg in technischen Fächern unterrichtet, mich für naturwissenschaftliche Forschungen und Phänomene empfänglich zu machen, indem er sich eben nicht über Fachchinesisch, sondern laientauglich, bildreich und über die Biografie des jeweiligen Wissenschaftlers annähert – so beispielsweise dem österreichischen Biologen Paul Kammerer, der seinerzeit revolutionäre Forschungen zur Geburtshelferkröte betrieb und nach seiner vermeintlichen Entlarvung als Betrüger Selbstmord beging:

hetzkampagne kammerer

blau die haut vor kälte hat die kröte tinten
schwielen unter der hand im vivarium, prater

das terrarium steht verlassen, echsen schwimmen
salamander, frösche in formaldehyd ist das blau

ständig in bewegung, die brut bemüht
um ihren halt am gewebe bei der brunft. vor krieg

und inflation ist die geburtshelferkröte ihr geschick
die pflege ihrem gegner schon zu viel

bei seiner ankunft ihr romantischer operettenstil
sie künstler,
krötenküsser, den er weit in den schlaf jagt

jede zeile aus ihrem kopf schlüpft in den bauplan
künftiger generationen. ihre sätze werfen blitze

in die dunkle landschaft. die zunft zögert mit ihrem wissen
solche dinge glauben wir nur, wenn wir müssen.

Ob man entgegenkommende Wälder als Bedrohung oder als Handreichung der Natur verstehen mag, bleibt letztlich jedem selbst überlassen – an der besonderen Qualität von Hartwig Mauritz‘ Gedichten ändert es nichts. Lehrreich ohne zu lehren, persönlich in empathischer Nähe, die gleichzeitig eine dringend benötigte Distanz zulässt. Wenn er nur halb so gut unterrichtet, wie er schreibt, möchte man fast nochmal zur Schule gehen.

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